Berlin, 16. Juli 2026
Anti-asiatischer Rassismus ist keine „spontan getätigte Äußerung“
Am 12. Juli 2026 kommentierte die Moderatorin Andrea Kiewel im ZDF-Fernsehgarten eine internationale Pokémon-Kartensammlung. Beim
Anblick einer japanischen Karte bezeichnete sie diese fälschlicherweise als chinesisch und die Laute „CCC“*.
Was für viele als spontane Bemerkung erscheinen mag, ist für viele asiatisch gelesene Menschen eine alltägliche Form rassistischer Herabwürdigung.
Die Nachahmung asiatischer Sprachen durch „CCC“ ist keine harmlose Lautmalerei, sondern eine rassistische Beleidigung mit einer langen Geschichte.
* Inhaltswarnung: Zur Einordnung der rassistischen Beleidigung wird diese hier einmalig ausgeschrieben: „Ching Chong Chang“. In dieser Stellungnahme verwenden
wir die Abkürzung CCC, um eine Reproduktion rassistischer Sprache zu vermeiden.
Die Reaktionen zeigen das eigentliche Problem
Nach der Ausstrahlung machten zahlreiche Betroffene von anti-asiatischem Rassismus in sozialen Medien und in Beschwerden an das ZDF auf die rassistische Beleidigung und ihre Wirkung aufmerksam. Viele schilderten persönliche Erfahrungen und erklärten, weshalb solche Aussagen verletzend sind und bestehende rassistische Strukturen verstärken.
Das ZDF erklärte daraufhin am 14. Juli 2026:
„Die spontan getätigte Äußerung war der Livesituation geschuldet und keinesfalls rassistisch gemeint. Andrea Kiewel bedauert ihre Worte und entschuldigt sich dafür.“ (DER SPIEGEL, 2026)
Die Einordnung vom ZDF, dass die Äußerung „keinesfalls rassistisch gemeint“ gewesen sei, verfehlt dabei das eigentliche Problem. Ob eine Aussage rassistisch wirkt, entscheidet sich nicht allein an der Absicht der sprechenden Person. Rassismus entfaltet seine Wirkung auch dann, wenn diskriminierende Stereotype (unbewusst) reproduziert und dadurch diskriminierende Strukturen verfestigt werden.
Ebenso besorgniserregend sind die zahlreichen Reaktionen in den sozialen Medien und Kommentarspalten, in denen der Vorfall verharmlost, als „Witz“ abgetan oder Betroffenen ihre Erfahrungen abgesprochen werden. Diese Reaktionen verdeutlichen, dass anti-asiatischer Rassismus in Deutschland noch immer häufig bagatellisiert und nicht als das erkannt wird, was er ist: eine Form von Rassismus.
Warum „CCC“ eine rassistische Beleidigung ist
„CCC“ ist kein harmloser Witz oder eine Lappalie, sondern eine rassistische Nachahmung (süd-)ostasiatischer Sprachen. Sie reproduziert stereotype
Vorstellungen über asiatisch gelesene Menschen, exotisiert sie und macht ihre Sprache zum Gegenstand von Spott und Herabwürdigung.
Die Geschichte dieser Beleidigung reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück. Im Zuge kolonialer Ideologien und anti-asiatischer Hetze
wurden Menschen aus Ost- und Südostasien als „Gelbe Gefahr“ konstruiert. Sprache, Aussehen und Kultur wurden systematisch exotisiert und
abgewertet. Insbesondere in den USA entstand während der Einwanderung chinesischer Arbeitskräfte ein stark
anti-chinesisches Klima. Chinesische Arbeiter, die unter prekären Bedingungen beim Eisenbahnbau und in Minen arbeiteten, wurden als wirtschaftliche und gesellschaftliche
Bedrohung dargestellt. Diese Stimmung führte nicht nur zum Chinese Exclusion Act, sondern begünstigte auch die Verbreitung rassistischer
Begriffe und Sprachimitationen wie „CCC“.
Diese Form der Herabwürdigung verbreitete sich über Jahrzehnte hinweg – auch in Europa und Deutschland – und fand Eingang in
Kinderreime, Schulhöfe und den alltäglichen Sprachgebrauch. Ursprünglich gegen chinesische Menschen gerichtet, wird sie heute unterschiedslos gegenüber allen Menschen verwendet,
die als asiatisch wahrgenommen werden. Bis heute berichten Betroffene davon, mit „CCC“, Augenimitationen oder anderen stereotypen
Darstellungen beleidigt und ausgegrenzt zu werden.
Bei unserer Meldestelle AAR (bundesweite Meldestelle für Vorfälle von anti-asiatischem
Rassismus) werden regelmäßig Vorfälle gemeldet, bei denen Betroffene mit „CCC“ beleidigt werden – sei es durch Fremde auf der Straße, durch Mitschüler*innen in
der Schule oder im Rahmen einer Dienstleistung. Der Vorfall im ZDF steht deshalb nicht isoliert da, sondern reiht sich
in ein gesellschaftliches Muster anti-asiatischen Rassismus ein.
Es handelt sich um ein strukturelles Problem
Der Vorfall ist kein individuelles Fehlverhalten einer einzelnen Moderatorin. Er macht sichtbar, wie tief anti-asiatische Stereotype in
unserer Gesellschaft verankert sind, auch in öffentlich-rechtlichen Medien. Besonders problematisch ist, dass
anti-asiatischer Rassismus häufig nicht als solcher erkannt wird. Statt die Perspektiven Betroffener ernst zu nehmen, werden ihre Erfahrungen relativiert oder als übertrieben
dargestellt. Dadurch werden rassistische Strukturen weiter normalisiert.
Eine diskriminierungssensible Gesellschaft beginnt dort, wo Betroffenen zugehört wird und rassistische Äußerungen nicht mit fehlender Absicht
entschuldigt werden, sondern Verantwortung für ihre negativen gesellschaftlichen Wirkungen übernommen wird.
Unsere Forderungen
Als GePGeMi e.V. fordern wir von Politik, Institutionen, Medien und Gesellschaft konkrete Maßnahmen, um anti-asiatischen Rassismus sichtbar zu machen, ernst zu nehmen und wirksam zu bekämpfen.
An die Politik und Gesetzgebung fordern wir:
- eine klare gesellschaftliche und politische Anerkennung, dass „CCC“ eine rassistische Beleidigung ist und weder als Witz noch als vermeintlich harmloser Bestandteil von Spielen, Kinderreimen oder Alltagskommunikation verharmlost werden darf;
- die konsequente Berücksichtigung anti-asiatischer rassistischer Tatmotive bei strafrechtlichen Verfahren sowie eine ernsthafte Verfolgung entsprechender rassistischer Beleidigungen;
- eine stärkere Verankerung von anti-asiatischem Rassismus in Präventions-, Bildungs- und Erinnerungsarbeit.
An öffentliche Institutionen und Bildungseinrichtungen fordern wir:
- eine konsequente Sensibilisierung und antirassistische Fortbildung in öffentlichen Institutionen, insbesondere in Schulen, Verwaltungen und anderen staatlichen Einrichtungen;
- die Entwicklung und Umsetzung von Konzepten zum Umgang mit anti-asiatischem Rassismus sowie zur Unterstützung von Betroffenen.
An Medienhäuser und Medienschaffende fordern wir:
- verbindliche Aus- und Weiterbildungsangebote für Medienschaffende zum Erkennen und Vermeiden (anti-asiatischer) rassistischer Stereotype;
- eine diskriminierungssensible Berichterstattung und einen verantwortungsvollen Umgang mit rassistischen Vorfällen;
- eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle bei der Reproduktion oder Bekämpfung rassistischer Bilder.
An die Gesellschaft fordern wir:
- eine ernsthafte Auseinandersetzung mit anti-asiatischem Rassismus und seinen historischen sowie gegenwärtigen Erscheinungsformen;
- dass die Erfahrungen und Perspektiven Betroffener anerkannt und ernst genommen werden.
Schlusswort
Anti-asiatischer Rassismus ist keine Randerscheinung. Er begegnet Betroffenen im Alltag, in Bildungseinrichtungen, am Arbeitsplatz, im öffentlichen Raum – und auch
in den Medien. Der Vorfall im ZDF-Fernsehgarten zeigt, wie notwendig Aufklärung über anti-asiatischen Rassismus weiterhin ist. Nur wenn
rassistische Stereotype benannt, ihre Geschichte aufgearbeitet und die Perspektiven Betroffener ernst genommen werden, kann eine
diskriminierungssensible Gesellschaft entstehen.
Wir erwarten von Medien, Politik und Institutionen, Verantwortung zu übernehmen und aktiv dazu beizutragen,
anti-asiatischen Rassismus sichtbar zu machen und wirksam zu bekämpfen.
Pressekontakt:
GePGeMi e.V.
E-Mail: [email protected]
Tel.: 030 28698795

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