Diskriminierung asiatisch gelesener Menschen in der Corona-Zeit: Über Alltagsrassismus und die Frage, was wir dagegen tun können

Seit der Corona-Pandemie werden asiatisch gelesene Menschen im Zusammenhang mit dem Coronavirus zunehmend angefeindet. Rassistisch motivierte Vorfälle wurden aus den USA bekannt und sind auch in Deutschland ein Problem. Woran erkennt man Alltagsrassismus und was kann dagegen getan werden? Einblicke von Dr. Min-Sung Kim, Referent für interkulturelle Öffnung in der Behindertenhilfe beim Paritätischen Gesamtverband. 

Laut einer aktuellen Berliner-Umfrage der Gesellschaft für psychosoziale Gesundheitsförderung bei Migrant*innen GePGeMi e.V. erleben viele asiatisch gelesene Menschen während der Corona-Pandemie deutlich mehr rassistisch motivierte Diskriminierungen als vor der Corona-Pandemie. Dabei ist zu beachten, dass die meisten asiatisch gelesenen Betroffenen angegeben haben, in der Corona-Pandemie insbesondere Alltagsrassismus im öffentlichen Raum erlebt zu haben und lediglich drei Prozent von ihnen den Vorfall beim Berliner Register zur Erfassung rassistisch motivierter diskriminierender Vorfälle gemeldet haben.

Versteckter Alltagsrassismus

Alltagsrassismus zeigt sich in subtiler Form und wird deswegen in vielen Fällen weder von Betroffenen noch von Nicht-Betroffenen bzw. Täter*innen als rassistisch eingestuft. Dies ist vor allem darauf zurückzuführen, dass Rassismus in der Gesellschaft meistens auf Übergriffe von Rechten reduziert und ausschließlich im europäisch-geschichtlichen und ideologischen Kontext verstanden wird. Dadurch wird ein Argument „Ich kann ja nicht rassistisch sein, weil ich kein Nazi bin“ ermöglicht, was allerdings diejenigen, die alltagsrassistische Erfahrungen erlebt haben, nicht überzeugen kann.

Man kann sich dann fragen, wo das Problem liegt, wenn alltagsrassistische Erfahrungen von beiden Seiten – sowohl von den Betroffenen als auch den Nicht-Betroffenen – nicht wahrgenommen werden. Das Problem liegt darin, dass negative Auswirkungen auf die Betroffenen trotz der fehlenden Zuordnung vom Erleben alltagsrassistischer Erfahrungen fortbestehen. Die Betroffenen leiden unter psychischem Unwohlsein, negativen Gefühlen, Unstimmigkeitsgefühl oder Traurigkeit, ohne zu wissen, wodurch sie entstanden sind.  

Wo beginnt Ausgrenzung und Alltagsrassismus?

Wie können wir alltagsrassistische Kommentare und Verhalten erkennen? Zur Bekämpfung von Alltagsrassismus wäre es selbstverständlich der einfachste Weg, wenn wir alltagsrassistische Kommentare klar beurteilen könnten. Leider gibt es aber keine klaren Erkennungsmerkmale dazu. Im Hinblick auf Alltagsrassismus entstehen deswegen bei Menschen ohne Migrationshintergrund Unsicherheiten, insbesondere bei denjenigen, die nicht rassistisch sein wollen: Unklarheit darüber, was sagbar ist und was nicht oder wie sie sich gegenüber Migrant*innen verhalten sollten. Dazu gehört auch die Angst vor dem Vorwurf, rassistisch zu sein.

Zurzeit werden in Fernseh-Sendungen oder auf der Webseite vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Aussagen oder Fragen wie „Woher kommst du?“ oder „Du sprichst aber sehr gut deutsch” als subtile rassistische Kommentare bezeichnet. Allerdings ist es fraglich, ob solch eine Kategorisierung bestimmter Aussagen angesichts der Vielfalt der Migrant*innen überhaupt sinnvoll ist. Ein Beispiel: Ich bin in Südkorea sozialisiert, mit Mitte 20 nach Deutschland gekommen. Wenn jemand mich fragt, woher ich komme, dann überlege ich im Kontext der Rassismus-Debatte, ob ich mich dadurch ausgegrenzt oder weniger wert fühle. Meine Antwort: Eigentlich nicht. Denn meine Erfahrungshintergründe, meine Geschichte und Identität, die ich im Laufe der Sozialisation in Südkorea erworben und in mir verinnerlicht habe, sind meine Stärken und Ressourcen, um hierzulande ein gutes Leben zu führen. Warum soll ich es als negativ empfinden, wenn jemand mich auf einen (positiven) Teil meiner Identität anspricht? (Aber: Ich fühle mich ausgegrenzt, nicht zugehörig und weniger wert eher durch die Tatsache, dass ich hierzulande nicht einmal ein Kommunalwahlrecht habe!!)

Allerdings wirken dieselben Fragen auf einer ganz anderen Dimension, wenn sie Personen der zweiten Generation gestellt werden. So würde sich z.B. meine Tochter, die hier geboren und aufgewachsen ist, angesichts solcher Fragen und Aussagen ausgegrenzt fühlen. Denn es muss für sie selbstverständlich sein, hierzulande so akzeptiert zu werden, wie sie ist. Sie sollte nicht regelmäßig mit der Frage konfrontiert sein, wo sie eigentlich herkomme. Und es kann für sie auch kein Kompliment sein, dass sie die deutsche Sprache sehr gut bzw. ohne Akzent beherrsche.

Bewusstsein und Sensibilität sind der Schlüssel

Es ist kaum möglich, solche Aussagen in zwei Kategorien – entweder subtile rassistische Kommentare oder nicht – einzuordnen, weil die Auswertung der Aussagen von (migrationsrelevanten) Erfahrungshintergründen der einzelnen Betroffenen abhängig ist und die Migrant*innen/Menschen mit Migrationshintergrund als Betroffene durch ihre Vielfalt gekennzeichnet sind.

Was können wir also tun, um unter diesen Umständen alltagsrassistische Kommentare und Verhalten besser erkennen zu können? Die Antwort ist relativ einfach: Das Bewusstsein und die Sensibilität für Alltagsrassismus sowohl bei Nicht-Betroffenen als auch bei Betroffenen sollten geschärft werden. Dies wird nicht gelingen, wenn wir den Fokus überwiegend auf eine Analyse und Kategorisierung der Aussagen legen. Sondern es muss in erster Linie darum gehen, Menschen zu verstehen und zu akzeptieren, deren Lebensweisen, Erfahrungshintergründe und Identitäten nicht in vorhandene Schubladen einzuordnen sind. Zur Förderung des Verständigungsprozesses sowie des Zusammenhalts muss es vor allem noch viel mehr Austauschmöglichkeiten zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund auf allen gesellschaftlichen Ebenen geben. Außerdem sollte man sich bewusst machen, dass wir alle ein gemeinsames Ziel haben, Antworten auf die Frage zu finden, wie wir die Gesellschaft jeden Tag ein bisschen gerechter für alle hier lebenden Menschen gestalten können.  

Autor:
Min-Sung Kim

Dieser Beitrag erschien zuerst als Blogbeitrag auf der Website www.der-paritaetische.de

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